ETHIK ODER ÄSTHETIK
Gibt es eine ökologische Ästhetik?

November 2008 bis Februar 2009
Vorträge an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Carl-Schurz-Haus/ Deutsch-Amerikanisches Institut e.V.
Mitveranstalter Colloquium policticum

I
nitiiert und zusammengestellt von Richard Schindler.
Unterstützt durch das Institut für Visual Profiling, Freiburg

Referenten

Richard Schindler, Freiburg
Thomas Dresel, Freiburg
Johannes Stüttgen, Düsseldorf
Horst Schumacher, Erfurt
Christine Gerhardt, Freiburg
 

Dass Waffen wohlgeformt sind, oder doch sein können, ist kaum zu bestreiten; scheinen doch schon Tiere mit der imposanten Schönheit ihrer kämpferischen Ausrüstung zu prahlen. Ist umgekehrt aber auch Schönheit eine Waffe? Können sich Kunst, Mode oder Design beispielsweise für Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit der Welt engagieren oder haben ihre Vertreter, so sie dies tun, genau damit ihr je eigenes Feld schon verlassen? Sind sie dann noch KünstlerInnen, ModeschöpferInnen oder DesignerInnen oder sind sie dann nur mehr Agitatoren in einem ausschliesslich ethisch zu rechtfertigenden Engagement?

Spätestens seit dem Bericht des Club of Rome von 1972 ist auch einer breiten Mehrheit von Nichtwissenschaftlern deutlich geworden, dass Menschen im Begriff sind Lebensbedingungen auf der Erde im grossen Stil zu zerstören. Armut, Gewalt, Bevölkerungswachstum und riskante Techniken wurden als globale Bedrohungen erkannt. Inzwischen gilt manchen die Ökologie, verstanden als weitreichende Umweltforschung, als Leitwissenschaft. Und aktuelle gesellschaftliche Wertorientierungen – markiert durch Stichworte wie Nachhaltigkeit, Natur- und Landschaftsschutz – fordern neue lebensweltliche Einstellungen auch des Einzelnen. Alle sollen, so der allgegenwärtige kulturelle Auftrag, dazu beitragen eine Welt zu gestalten und zu erhalten, die auch zukünftigen Generationen erlaubt, eigenverantwortlich und frei zu handeln.

Gilt der umweltpolitische und sozio-kulturelle Auftrag auch für die Kunst? Vor dem Hintergrund einer abendländischen Geschichte, die sich selbst von mythologischer und religiöser Bevormundung befreit weiss und sich erfolgreich von politischer Indienstname emanzipiert hat, scheint dies nicht selbstverständlich. Die Vortragsreihe thematisiert Argumentationslinien der Ethik, die in den Begriffen Verantwortung, Nachhaltigkeit, Freiheit und Autonomie der Kunst konvergieren und stellt die Frage, ob und in welchem Sinne Fragen der Ästhetik mit denen der Ökologie zu verbinden sind. Gibt es eine ökologische Ästhetik?
 

 

Richard Schindler, Freiburg
Aufklärung als Massenbetrug?
Al Gores "Unbequeme Wahrheit" und der Film "Unsere Erde"

Dienstag/ 18. November 2008/ 20 Uhr c.t.
Hörsaal 1199, KG I der Universität


Beide Filme sind aufklärende Dokumentationen und
damit auch engagierte Stellungnahmen zur drohenden
Klimakatastrophe und der hausgemachten Zerstörung
unseres Planeten - so jedenfalls das einhellige Urteil aus
ethischer und aus ökologisch motivierter Perspektive.
Die allseits gefeierten Kinofilme sind demnach aber auch
populäre Beispiele dafür, wie Natur und ökologisches
Anliegen heute als Bild erscheinen. Der Vortrag ist ein
Versuch, den Blick auf das Ganze zu richten und die Frage
zu erörtern, was eigentlich „ökologische Ästhetik“ ist:
Aufklärung oder Massenbetrug?

Im Zusammenhang mit dem Vortrag läuft der Film Unsere Erde im Harmonie Kino in der Grünwälderstraße, Freiburg am 17.11. um 19 Uhr.

Richard Schindler ist bildender Künstler und Autor von Texten zur Kunst. Er realisierte zahlreiche Aufträge zur Kunst im öffentlichen Raum und lehrte u.a. an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel und an der Hochschule Furtwangen University. Zugleich war Richard Schindler Gastprofessor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Seine letzte Einzelausstellung zeigte er im Nationalmuseum Brukenthal Sibiu, Kulturhauptstadt Europas 2007.

Thomas Dresel, Freiburg
Das schöne Bild vom guten Essen.
Orte des Genießens und ihre Entfernung von Amerika

Montag/1. Dezember 2008/20 Uhr
Konferenzraum, Carl-Schurz- Haus,
Eisenbahnstr. 62, 3. Etage


Bestimmte Orte verheißen besonderen Genuss und
Geschmack. Dabei verbindet das wiederkehrende Motiv
des Gartens ("Paradies") Kunst und Natur, Ästhetik
und Ökologie. Welche Bilder vom guten Leben enthält
der berühmte mediterrane Lebensstil, das global erfolgreiche
wie verpönte Fast Food Amerikas, aber auch
dessen Geschmack von Freiheit und Abenteuer, oder die
neue regionale Küche mit ihren saisonalen und biologischen
Produkten? Aufgesucht werden Darstellungen
in neueren Landschaftsbildbänden und Kochbüchern,
sowie einige amerikanische Detektive und europäische
Kommissare, die sich bei ihren Ermittlungen einen Genuss
gönnen.

Thomas Dresel ist Kultursoziologe. Nach Lehrtätigkeit
an der Universität, Forschungen zur populären Kultur
und zur Technikfolgenabschätzung ist er derzeit hauptberuflich
in der kommunalen Umweltverwaltung tätig.

Johannes Stüttgen, Düsseldorf
Denkverzagtheit. Die Klimakatastrophe ist
Ausdruck von Denkverzagtheit.

13.01.2009, Hörsaal 1199 - KG I der
Universität, um 20 Uhr c.t.


Erst wenn die Ökologie die Begrenzung ihres Begriffs
auf bloße Umweltforschung aufsprengt und die
Freiheitsbestimmung des Menschen, also die
Menschennatur selbst in den Mittelpunkt rückt und erst
wenn diese Freiheitsbestimmung in einem erweiterten
Begriff der Kunst ganz neu begründet wird, kann überhaupt
wieder von Schönheit die Rede sein. Die überkommenen
Begriffe von Ethik und Ästhetik, aber auch
der gängige Begriff von Ökologie werden die Vernichtung
unserer Lebensgrundlage und die Verhässlichung
unserer Seele nicht aufhalten.

Johannes Stüttgen war Meisterschüler und Mitarbeiter
von Joseph Beuys und Geschäftsführer der Free
International University und des Omnibus für Direkte
Demokratie. Er hatte Gastprofessuren in Hamburg
und Gießen und ist seit 2004 Honorary Fellow der
Oxford Brookes University

Horst Schumacher, Erfurt
Das Nützliche und das Schöne. Zur Kultur
regenerativer Energien im internationalen Diskurs

27.01.2009, Hörsaal 1199 - KG I der
Universität, um 20 Uhr c.t.


Die Not der zur Neige gehenden primären Energiequellen
Öl, Gas und Uran und die damit verbundenen Verteilungskämpfe wecken das politische Begehren nach Alternativen. Aus wissenschaftlich-technischer Sicht möchte man sagen: kein Problem! Aus kultureller
Perspektive stellt sich jedoch die Frage nach den ästhetischen Konsequenzen: Wie sollen sich Orts- und Landschaftsbilder zukünftig gestalten? Nur wenige Beispiele zeigen, wie der anstehende
Wandel in ökonomisch, ökologisch und ästhetisch zufriedenstellender Weise vollzogen werden kann. Das Dessau-Wörlitzer Gartenreich gehört dazu: Es zeigt eine gelungene alles umfassende „ornamented
farm“, die heute den Status eines UNESCO Weltkulturerbes genießt. Der Vortrag thematisiert Entwicklungsperspektiven nach dem Motto dieses altehrwürdigen Projekts: das Nützliche mit dem Schönen verbinden.

Horst Schumacher ist Professor für Freiraumplanung und Entwerfen an der FH Erfurt in der Fakultät Landschaftsarchitektur, Gartenbau und Forst. Grundlage seiner Forschung und Lehre zu Fragen nachhaltiger
Ent-wicklung von Orts- und Landschaftsbildern im Zusammenhang mit Erneuerbaren Energietechnologien ist seine 25jährige Berufserfahrung in Geschichte und Theorie der Gartenkunst. Seine Lehrveranstaltungs-
reihe Energiegarten® wurde im November 2007 als offizielles Projekt der UN-Dekade ausgezeichnet.

Christine Gerhardt, Freiburg
“The perfect movements of animals and the sentiment of trees”: ökologische Ästhetik in der amerikanischen Literatur

11.02.2009, Hörsaal 1098 - KG I der
Universität, 20 Uhr c.t.


Die moderne Umweltkrise scheint primär eine wirtschaftliche und politische Krise zu sein, die uns zu einem materiell nachhaltigen Umgang mit der Natur zwingt. Doch ein rein pragmatischer Zugang zur Umweltkrise widerspricht sich selbst: wir können nur umdenken, wenn es unsere Vorstellungskraft zulässt. Die Literatur spielt hier eine zentrale Rolle, denn sie ist Ausdruck und Motor dieser Vorstellungskraft und eines kreativen Umgangs mit der Umwelt. Anhand U.S.- amerikanischer Texte, von Thoreaus Essays über die Prosa von Janisse Ray und Barry Lopez bis zur Lyrik von Marianne Moore and W.S. Merwin, fragt dieser Vortrag nach den ästhetischen Besonderheiten „grüner“ Literatur - Literatur, die nicht nur bestimmte „ökologische“ Merkmale hat, sondern vor allem auch zu einer neuen ökologischen Phantasie einlädt.

Christine Gerhardt ist amerikanistische Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und seit Oktober 2008 Leiterin des Carl-Schurz-Hauses /Deutsch-Amerikanisches Institut in Freiburg. Neben ihren Arbeiten zur afro-amerikanischen Literatur und Südstaatenliteratur (Rituale des Scheiterns: Die Reconstruction-Periode im amerikanischen
Roman, Winter: 2002) hat sie sich vor allem mit "grüner" Literatur und Literaturkritik beschäftigt und gerade ein Buch über amerikanische Lyrik und ökologische Ethik abgeschlossen.